1. November - Salta (Argentinien)
Fortsetzung (1.Teil unter Bolivien/Chile):
Sieben Kilometer weiter gab es dann im bolivianischen Grenzposten gegen Gebühr unsere Ausreisestempel und nach weiteren fünf Kilometern Geschaukel war er dann endlich da, der heissersehnte Asphalt. Wir bogen nach links in Richtung der 120 Kilometer entfernten argentinischen Grenze ab. Dadurch fehlten uns die chilenischen Stempel, die es in San Pedro de Atacama gegeben hätte, welches aber 42 Kilometer horizontal und - was schwerer wog - über 2000 Meter vertikal in der falschen Richtung lag. Mit einem etwas flauen Gefühl erreichten wir am folgenden Tag die argentinische Grenze, doch der freundliche Grenzbeamte knallte uns ohne zu zögern den begehrten Einreisestempel samt 90-Tagevisum in den Pass. Puh!
Der Paso de Jama zwischen Chile und Argentinien, den wir nun überquerten, zieht sich insgesamt auf gut 500 Kilometern über mehrere Teilpaesse und Hochebenen hin. Nach den fantastischen Eindrücken in Bolivien erschien uns die Landschaft eher etwas langweilig und die oft schnurgeraden Streckenabschnitte sorgten auch nicht gerade für Abwechslung. Wahre Glücksgefuehle stellten sich jedoch ein, als wir den kleinen Ort Susques erreichten und damit nach 10 Tagen Zelten die erste heisse Dusche. Nach weiteren zwei Tagen, einem Pass und einer rasanten Abfahrt über 2000 Hoehenmetern mit unzähligen Serpentinen durch tolle Felslandschaften waren wir dann endlich wieder "unten" (auf etwa 2300 Metern). Endlich wieder saftig grüne Bäume, viel Luft zum Schnaufen und kein Temperatursturz um mindestens 20° bei Sonnenuntergang mehr. Dazu noch tellerfüllende argentinische Steaks, leckere Schokolade und Eiscreme - ein kleines Paradies. Im Ort Purmamarca, der malerisch am Fusse des Cerro de los siete Colores (Fels der sieben Farben) gelegen ist, ruhten wir uns ein wenig aus. Vormittags schillern dort die Hügel fast schon kitschig schön in weit mehr als sieben Farben.
Auf dem Weg in die nordargentinische Kolonialstadt Salta trafen wir dann wieder mal zwei nette Schweizer: Nicole und Niklaus, deren Tour jedoch leider hier in Salta endet. Zusammen radelten wir einen Tag durch regenwaldaehnliche Landschaft, wo uns freche Papageien ankreischten, sobald wir an ihnen vorrüberfuhren. In Salta wurden wir mit einem heftigen Unwetter empfangen, das einige Strassen im Nu in "reissende Fluesse" verwandelte. Passenderweise fanden wir in der Avenida "Entre los rios" eine Bleibe. Hier werden wir wohl noch einige Tage die Annehmlichkeiten der Grossstadt und das gemütliche Ambiente des Hostals "Los Cardones" (mit Hängematte im Patio vor dem Zimmer) geniessen, bevor wir uns weiter auf den Weg nach Süden machen ...
6. November - Cafayate
Velostatistik :
Gesamtstrecke: 3719km; Höhenmeter: 49970m; Gesamtradlzeit: 289 Stunden;
Pannen: 5 (3 Platte, 1 Speichenbruch, 1 gerissenes Schaltseil durch Fehlmontage)
Ganze fünf Tage hielt es uns in Salta. Es gab aber auch allerhand zu tun: Wäsche waschen lassen, Ersatzteile für unsere Bikes kaufen, Fotos im teuersten Laden der Stadt auf DVD brennen lassen, zwischendurch immer mal die Schokoladentheke im Supermarkt plündern und unsere Homepage aktualisieren (wir freuen uns natürlich über das rege Interesse!).
Nach all der "Arbeit" durften wir uns auf ein richtiges argentinisches Asado freuen, zu dem uns die lieben Schweizer und zwei französische Radler eingeladen hatten. Das ganze fand bei einer liebenswerten argentinischen Familie statt, die in Salta Radlern eine Bleibe mit Familienanschluss bietet. Bei einem Asado trifft man sich so gegen acht Uhr. Gegen halb zehn wird eine halbe Kuh auf den Grill geschmissen, die dann ganz laaangsam vor sich hingart. Inzwischen tischt die Dame des Hauses hausgemachte Empanadas auf. Nachdem man sich so gegen halb zwölf mit den wunderbaren Empanadas, Salami, Oliven und Käse schon ziemlich sattgefuttert hat, ist es schliesslich so weit: Asado - superleckere saftige Fleischstücke werden serviert, bis man zu platzen droht. Wenn man dann - inzwischen ist es etwa halb eins - meint "nichts geht mehr", gibt es als kleines Postre noch Eis und Kuchen. Wunderbar! Den ganzen Abend herrschte ausserdem ein witziges deutsch-französisch-spanisch-schweizerdeutsches Sprachgemisch.
Am darauffolgenden Tag freuten wir uns, die deutsche Kleinfamilie (Monika, Kurt und Emil) wiederzutreffen, mit denen wir schon von Chile auf den Salar de Uyuni geradelt waren. Gemeinsam erklommen wir die 1070 Stufen auf einen Hügel bei Salta - tolle Aussicht! Ein Grillmeister aus Leidenschaft bereitete uns abends das bislang beste argentinische Riesensteak - natürlich erst, nachdem er uns zuvor die appetitlichen Fleischbrocken stolz präsentiert hatte. Derart vollgefuttert waren wir bereit, mal wieder ein wenig
zu radeln. Zu fünft machten wir uns auf nach Cafayate. Blühende Riesenkakteen säumten den Weg.
Im schönsten Abschnitt dieser Strecke, der Quebrada de Cafayate, leuchten die von Wind und Wetter skuril geformten Gesteinsformationen im warmen Nachmittagslicht in den herrlischsten Farben. Einige haben so treffende Namen, wie Garganta del Diabolo (Teufelsschlund), Obelisco oder das Anfiteatro. In diesem Felsenkessel schuf ein virtuoser Flötenspieler, Trommler und Sänger eine einzigartige Atmosphäre. Eine Märchenwelt!
Cafayate ist eine der bekanntesten Weinanbaugebiete Argentiniens. Da haben auch wir es uns nicht nehmen lassen, heute eine Bodega zu besuchen und ein paar der edlen Tropfen zu probieren. Zum Abschluss haben wir noch die Flasche 1609 (per Hand beschriftet) von nur 8000 des feinen Reservas erstanden, den man uns eher etwas zögerlich und nach einer grösseren Verpackungsaktion in die groben Radlerhände drückte. Geniessen werden wir die Flasche allerdings erst nach ein paar
schüttelfreien Tagen.
18. November - Chilecito
Velostatistik :
Gesamtstrecke: 4469km; Höhenmeter: 57800m; Gesamtradlzeit: 343 Stunden;
Pannen: 8 (6 Platte, 1 Speichenbruch, 1 gerissenes Schaltseil durch Fehlmontage)
Äusserst abwechslungsreich ging es von Cafayate aus weiter: Vorbei an den Bodegas und verschlafenen Ortschaften führte die Strasse durch idyllische Weinanbaugebiete. Man fühlte sich wie in Italien, nur die Riesenkakteen erinnerten einen immer wieder daran, dass man sich auf einem anderen Kontinent befindet. Nach 50 Kilometern zweigte eine Schotterpiste nach Quilmes ab, den am Fusse der Berge gelegenen Ruinen einer alten Indianerstadt. Dort sollen einst 5000 Menschen gelebt haben, bevor die Spanier sie vertrieben. Heute werden die Überreste von Riesenkakteen überwuchert. Überhaupt war die Vegetation inzwischen wieder deutlich karger, nur noch Kakteen und allerlei stachelige Büsche, die unseren angeblich durchstichsicheren Fahrradmänteln die Grenzen aufzeigten (siehe Pannenstatistik).
Durch diese Landschaft ging es über einen Pass nach Tafi del Valle, einem beliebten argentinischen Ferienort, dessen Hauptattraktion laut Reiseführer der "Parque de los Menhires" ist. Uns hat der Kaktus auf der Mauer des Parkes bald mehr begeistert, als die zusammengetragenen Menhire, und die Torten in Tafi de Valle sowieso... Ausserdem liessen wir uns am Abend zu frischem Brot, Schinken und Oliven unseren Reserva schmecken - eine wahre Gaumenfreude!
Wirklich toll war auch die Schlucht, durch die es nun die Osthänge der Anden weit hinunter ging. Fast schlagartig änderte sich erneut die Vegetation. Plötzlich war überall saftiges Grün und die riesigen Bäume wurden von Bromelien überwuchert. Zwei Tage später mussten wir die gemütlich hinab gerollten Höhenmeter wieder mühsam über unzählige Serpentinen hinaufstrampeln und wurden dabei ordentlich abgeduscht und eingenebelt - ein wenig erinnerte uns das an das Novembergruselwetter in Regensburg. Die vermutlich fantastische Aussicht blieb uns damit leider verwehrt. Heilfroh waren wir aber über die unverhofft auf der anderen Seite des Passes vorgefundene Cabaña mit Kaminfeuer, an dem wir uns wieder wärmen und trocknen konnten.
Erst bei strahlendem Sonnenschein am darauffolgenden Tag sahen wir, in welch wunderschöner Berglandschaft wir umhergeradelt waren. Eine verschlungene Serpentinenstrasse brachte uns wieder zur berühmten Ruta 40, die sich über 5000 Kilometer durch Argentinien zieht. Die letzten 100 Kilometer durch den Desierto bis Chilecito gab es nur noch sieben Kurven und die Kilometerschilder erinnern einen regelmässig daran, dass man noch einiges vor sich hat...
27. November - San Juan
Velostatistik :
Gesamtstrecke: 5020km; Höhenmeter: 61250m; Gesamtradlzeit: 375 Stunden;
Pannen: 9 (7 Platte, 1 Speichenbruch, 1 gerissenes Schaltseil durch Fehlmontage)
Neben dem schönen Wetter und den oft atemberaubenden Ausblicken sind es vor allem die Argentinier, die dieses Land zu einem so wunderbaren Radreiseland machen. Während in Peru und Bolivien die Menschen zwar auch sehr freundlich, aber doch eher zurückhaltend waren, winken uns die Argentinier beim Radeln meist zu, hupen im Rhythmus oder spornen uns mit nach oben gestrecktem Daumen an. Besonders nett war auch eine Dame, die in einem kleinen Ort "Dulces" verkaufte - selbsteingelegtes Obst vom Feinsten. Auch nachdem wir erklärt hatten, dass wir auf den Fahrrädern nichts mitnehmen könnten, liess sie uns ein wenig stolz von all ihren Kostbarkeiten probieren, damit wir die "Sabores de Argentina" kennenlernen: in Almibar (was immer das ist) eingelegte und mit Nüssen gefüllte Oliven, Birnen mit Minze, allerlei Zitrusfüchte, von denen wir noch nie gehört hatten und ein fantastisches Dulce de Leche (eines der argentinischen Grundnahrungsmittel - ein süsser Brotaufstrich). Schleckermäuler wie wir sind, konnten wir letztendlich doch nicht widerstehen, zwei Gläser der Leckereien zu erwerben. Wir packten sie zu den zwei Weinflaschen, die wir bereits spazierenfuhren. Diese wollten wir eigentlich am Vorabend mit den Lehrern einer Mädchenschule vertilgen, die uns auf dem Campingplatz zum Abendessen eingeladen hatten - typisch argentinisch so gegen zehn. Danach gab es dann noch Aufführungen der Schülerinnen (6. Klasse!) - sehr witzig, auch wenn wir nicht viel verstanden haben. So gegen halb eins haben wir dann aufgegeben und sind als erste hundemüde ins Zelt gekrochen. Den Wein gab es daher erst tags darauf beim "Wüstencamping". Mit einem leichten Brummschädel ging es dann weiter zum Wallfahrtsort Vallecito.
Hier soll, so die Legende, einst Maria Correa verstorben sein, als sie mit Baby ihrem in Gefangenschaft geratenen Mann folgte und sich in der Wüste verlief. Als man sie Tage später fand, hatte das Kind an der Brust der Mutter säugend überlebt. Heute danken die Argentinier der Difunta Correa für privates Glück, sportliche Erfolge, Genesung von Krankheiten - eigentlich für alles. Oder sie bitten um den Schutz des neuen Hauses, des Autos oder - wie Sabine - des Fahrrades. Auf einem Hügel sind dazu unzählige Modelle von Häusern aufgestellt und Autokennzeichen oder Bänder aufgehängt. In mehreren Kapellen hängen Fotos, Diplome, Hochzeitskleider... - unglaublich!
Auch an den Strassen findet man oft kleine Kapellen zu Ehren der Difunta Correa. Dort werden gerne gefüllte Wasserflaschen abgelegt - wir hielten das ganze anfangs für wilde Müllkippen...
Die landschaftlichen Höhepunkte seit Chilecito waren der Nationalpark Talampaya und das Valle de la Luna, beide mit dem UNESCO-Prädikat "Welterbe der Menschheit" versehen. Hauptattraktion des Talampaya ist ein herrlicher Canyon mit bizarr geformten Felsen und das jahrhundertealte "Felsengraffiti".
Ausserdem gibt es Kondore und Füchse, die einem, wenn man nicht aufpasst, beim Zelten das Abendessen wegschnappen. Da im Park ein Führer obligatorisch ist, mussten wir eine Bustour buchen. Raus aus dem Bus, kurzen Weg ablaufen, Foto machen, rein in den Bus, weiterfahren - zum Verweilen und Geniessen blieb da leider kaum Zeit.
80 Kilometer weiter kommt man sich im Valle de la Luna tatsächlich ein wenig wie auf einem anderen Planeten vor. Auf der ebenfalls geführten, aber deutlich gemütlicheren Tour gab es von Wind und Wetter wunderbar geformte Sandsteinformationen wie den "Hongo" (Pilz) zu bewundern. Zudem führt ein Besuch des Parks zurück in die absulute Urgeschichte. Unter anderem wurden hier die ältesten Saurierskelette der Welt gefunden.
Nach all den Felsen und der Wüste waren wir froh, als wir schliesslich die Weinanbaugebiete um San Juan erreichten. San Juan ist ideal, um sich ein wenig auszuruhen: Nach dem Erdbeben von 1944 gibt es keine wirklichen Sehenswürdigkeiten mehr, dafür aber hervorragende Restaurants, Eisdielen, Cafes (für Stefan) und viele Klamottenläden zum Bummeln (für wen wohl?).
Auch hier wird nun langsam die Weihnachtsdeko ausgepackt, Trotz singender Plastikweihnachtsmänner kommen bei über 30 Grad im Schatten bei uns jedoch keine rechten Adventsgefühle auf. Das hat Sabine natürlich nicht von einem ausgiebigen Weihnachtsshopping abgehalten! Stefan holt sich derweil schon Anregungen, wie sein nächstes Auto aussehen könnte...
27. Dezember - San Martin de los Andes
Velostatistik :
Gesamtstrecke: 5866km; Höhenmeter: 69500m; Gesamtradlzeit: 437 Stunden;
Pannen: 12 (10 Platte, 1 Speichenbruch, 1 gerissenes Schaltseil durch Fehlmontage)
Lange hatten wir uns auf das Treffen mit Thomas und Daniela gefreut, am 3. Dezember war es dann endlich so weit. Ein tolles Gefühl, nach gut vier Monaten hoch oben in den Anden liebe Freunde wiederzusehen. Sogar leichtgewichtige und transportgeeignete Adventskalender hatten die beiden uns mitgebracht: für Sabine einen mit bunten Kinderbildchen und für Stefan seinen ersten Playmate-Adventskalender - gute Freunde wissen halt, wie sie einem eine Freude machen...
Für eine Woche tauschten wir nun unsere Räder gegen Wanderstiefel und Leihwagen. Gleich am ersten gemeinsamen Tag marschierten wir noch den alten Bermejopass hinauf, der wegen des heftigen Schneefalls im Winter für Autos noch immer gesperrt war. Die Überreste der Schneefelder streckten sich wie Skulpturen in die Höhe und die Bergwelt leuchtete fantastisch im Abendlicht.
Kopf, Rücken, Oberschenkel und Füsse - alles tat uns am Abend des nächsten Tages weh. Trekking ist eben ein Sport für den ganzen Körper... Aber es lohnte sich: Mit herrlichem Blick auf das Ziel marschierten wir in Richtung Aconcagua, dem mit 6960 Metern höchsten Berg ausserhalb des Himalaya. Nun gut, ganz hoch kamen wir nicht, aber immerhin recht nah ran und ein kalter Wind bliess allemal.
Etwas geruhsamer wurde es in San Rafael, wo wir eine kleine "Stadtvilla" bezogen, mit Garten, Pool und 4 Fernsehern. Nach ausführlichen Instruktionen durch den Metzger wagten wir uns mit einem ordentlichen Stück Büffel an das erste eigene Asado. Nach über einer Stunde auf dem Grill konnte sich das Ergebnis durchaus sehen und schmecken lassen!
Der Besuch einer oder am besten mehrerer Bodegas gehört in der Gegend von Mendoza quasi zum Pflichtprogramm. Auf der Rückfahrt von San Rafael nach Mendoza besichtigten wir denn auch zunächst die riesige Edelbodega Salentein mit ihrem tempelartigen Weinkeller, vielen Kunstwerken an den Wänden und einem edlen Restaurant.
Tags drauf gab es bei einer Bikes-and-Wines-Tour das Kontrastprogramm: erst eine Familienbodega, in der uns mit viel Herz über die Herstellung und den Genuss von Wein erzählt wurde. Zum Abschluss dann noch eine Verkostung in einem anderen Weinkeller, bei der der Führer selber ordentlich mitbecherte und so einfache und treffende Weinbeschreibungen lieferte wie "This is a ... a good wine.".
Ein wenig konnten wir Mendoza noch zu viert geniessen, dann mussten wir uns schweren Herzens wieder von unseren Freunden verabschieden.
Fortsetzung unter Patagonien!