16. September - La Paz
Gesamtstrecke auf dem Velo: 1649km
Vom 4650m hohen Pass "La Cumbre", kurz hinter La Paz, führt eine der bekanntesten und spektakulärsten Downhillstrecken Boliviens zur Puente Yolosa auf 1200m, kurz vor dem netten Ferienort Coroico. Blöd nur, wenn man - wie wir vor drei Tagen - in Coroico sitzt und nach La Paz will. Aber irgendwie wäre uns eine derart schamlose Ausnutzung der Schwerkraft eh zu unsportlich gewesen! Ausserdem ist diese einst "gefährlichste Strasse der Welt" (seit letztem Jahr rollt der Verkehr über eine neue Asphaltstrasse) viel zu schön, um sie einfach nur hinunter zu rasen. Also machten wir den Downhill zum Uphill und strampelten die knapp 3500 Höhenmeter nach oben...
Fehlt nur noch die Geschichte, wie wir so weit hinunter gekommen sind:
Von Puno aus umrundeten wir den halben Titicacasee und nahmen Abschied von Peru. In Bolivien schienen die Uhren noch langsamer zu ticken und an das lautstarke "Gringos", das uns die Kinder hinterherriefen, mussten wir uns erst gewöhnen. Im relaxten Ferienort Copacabana liessen wir erst einmal unsere Seele nachkommen und genossen die feinen Restaurants und ein tolles Hotel mit Panoramablick auf den See. Wir schipperten auf die Isla del Sol, bestaunten dort einen alten Inkatempel und durchwanderten sie schliesslich von Nord nach Süd.
Nach zwei Tagen "dolce vita" verliessen wir Copacabana auf dem schönsten Abschnitt der Strecke am Titicacasee entlang. Immer wieder hatten wir einen tollen Ausblick auf die schneebedeckte Bergkette der Cordillera Real. So konnten wir nicht widerstehen, in Richtung des kleinen Bergdorfes Sorata abzubiegen, statt wie geplant den direkten Weg nach La Paz zu nehmen.
In Sorata hatten wir leider etwas Pech mit dem Wetter und der Sechstausender Illampu versteckte sich hinter den Wolken. Doch im gemütlichen Hostal "Las Piedras" störte uns das Gewitter in der Früh nicht - wir frühstückten leckerstes Bircher Müsli und stöberten in der Bücherecke. Nachmittags - inzwischen schien schon lange wieder die Sonne - rafften wir uns dann doch zum Besuch der Gruta San Pedro auf. Nach der Höhlen-besichtigung, inklusive Tretbootfahrt auf dem Höhlensee, umkreisten uns auf dem Rückweg zwei Kondore, als würden sie überlegen, ob wir als Beute in Frage kämen.
Der Weg zur Höhle gefiel uns so gut, dass wir am Abend beschlossen, diesem weiter ins bolivianische Tiefland zu folgen. Allerdings ging es statt tendentiell bergab erst einmal mit schiebeträchtigen Steigungen nach oben. Am zweiten Tag unserer kleinen Odysee konnten wir im Regen und Nebel die grandiose Bergwelt leider nur erahnen. Im Abstand von jeweils gut einer Stunde fragten wir drei Mal nach unserem Tagesziel Consata (Hotel, Essen..). Jedesmal erhielten wir als Antwort "una hora!". Die Übersetzung für "una hora!" ist in Bolivien wohl "Keine Ahnung!". Jedenfalls zelteten wir abends noch etwa zwei Stunden vor Consata. Als wir am kommenden Morgen endlich in Consata einfuhren, war dort eine Fiesta im Gange, mit der schon in Peru "liebgewonnenen" Blasmusik und vielen bunten Kostümen.
Trotz des Dschungelfeelings mit grünen Papageien, handgrossen blauen Morphofaltern und schwarz-rot gestreifter Schlange hatten wir irgendwann die Nase voll von dem immer schlechter werdenden, oft extrem steilen Weg und stiegen schliesslich auf ein Taxi um. Bei der Fahrt kam durchaus Ralleystimmung auf, nur ohne Helm, Gurte und den ganzen anderen Sicherheitsschnick-schnack. Häufig an steilen Abgründen entlang bretterten wir über mehrere Bergrücken. Nach etwa einer Stunde standen wir vor einem Fluss. "Schaut hoch aus!", meinte unser Fahrer trocken und stieg aus, um den Wasserstand zu testen. Als er bis zu den Oberschenkeln im Wasser stand, dachten wir: "Das wars!" Aber nein, unser Fahrer kam zurück, stieg ein und fuhr los. Es kam wie es kommen musste: Mitten im Fluss blieben wir stecken. Unser Fahrer meinte lapidar "Cuidado!", und während Stefan noch überlegte, auf was er aufpassen solle, stieg das Wasser im Auto schon bis auf Höhe der Sitze. Bevor Stefan dem Vorschlag, das Steuer zu übernehmen, folgte, kletterte er lieber aus dem Fenster, um anzuschieben. Auf der anderen Seite angekommen, überlegten wir noch, wie wir das Wasser aus dem Innenraum schöpfen könnten. Da schraubte unser Fahrer schon zwei Stöpsel aus dem Boden heraus und das Wasser floss wie aus einer Badewanne ab. Echt praktisch! Kurze Restzweifel kamen noch auf, als unser Fahrer einen entgegenkommenden Motorradfahrer fragte, wie weit es noch sei, aber nach weiteren zwei Stunden waren wir dann doch am Ziel.
Am kommenden Tag wollten wir unser Schicksal nicht nochmals herausfordern und schwangen uns wieder auf unsere Drahtesel. Der Weg führte durch einen Canyon und am Ende auf einer garstigen Kopfsteinpflasterstrasse hinauf nach Coroico, wo wir uns mit einem Hotelzimmer mit fantastischem Panoramafenster und zwei Tagen Radlpause belohnten, bevor es auf den Uphill nach La Paz ging.
29. September - Iquique
Gesamtstrecke auf dem Velo: ca. 2200km
An La Paz haben uns weniger irgendwelche Sehenswürdigkeiten als viel mehr das Flair begeistert: Indigenafrauen verkaufen auf den Strassen von Lamaföten (sollen beim Hausbau Glück bringen) bis zu Haarnadeln so gut wie alles, und das zwischen modernen Hochhäusern und Bankenvierteln. Die Annehmlichkeiten der Grossstadt gefielen uns zwar, aber schon nach drei Tagen zog es uns wieder auf den Fahrradsattel. Dank der beiden netten schweizer Radler Petra und Reto, die wir auf dem Weg nach La Paz getroffen hatten, änderten wir unsere geplante Reiseroute und radelten Richtung chilenische Grenze, wo es mehrere Nationalparks zu entdecken gab. Zunächst mussten wir uns aber durch die steilen Strassen von La Paz wieder auf den Altiplano hocharbeiten. In "El Alto", dem hochgelegenen ärmeren Viertel, wurden wir mit einer grandiosen Aussicht über die Stadt im Talkessel und den dahinter liegenden Illimani belohnt.
Die gut 200 Kilometer bis zum Nationalpark um den Vulkan Sajama (mit 6542 Metern der höchste Berg Boliviens), rollten wir auf dem Asphalt nur so dahin - das tat auch mal wieder gut. Der Rückenwind und der in der Ferne auftauchende, schneebedeckte Sajama trieben uns zusätzlich an. Eine sandige Ruckelpiste führte uns dann um den Vulkan herum zu einer Nobelunterkunft (Zimmer mit Heizung!), von der aus wir den Nationalpark ohne Gepäck erkundeten. Wir wanderten um die überwältigend schöne Lagune mit Flamingos und quiekenden Vincuñas und entspannten uns anschliessend in den Thermalquellen. Einen ganzen Tag "Natur pur", an dem wir keiner Menschenseele begegneten.
Nach Chile mussten wir uns, teils schiebender Weise, gegen fürchterlichsten Gegenwind über einen 4700 Meter hohen Pass quälen.
Als wir abends müde, hungrig und durchgefroren am chilenischen Grenzposten vergeblich nach einer Unterkunft suchten, tauchte wie aus dem Nichts ein Mann im blauen Overall auf und schien uns unsere Sorgen anzusehen. Zunächst noch skeptisch, aber bald sehr dankbar, nahmen wir das Angebot einer warmen Unterkunft (ein Wohncontainer der chilenischen Armee) an. Jhon und sein Compañero Rodrigo, die im Grenzgebiet nach Minen suchen, bereiteten uns sogar ein wunderbares Abendessen und schenkten uns am nächsten Tag genug Proviant für unsere weitere Tour. Damit ersparten sie uns einen 150-Kilometer-Umweg zum nächsten Ort mit Einkaufsmöglichkeit. Wir tauften diese beiden wohl nettesten Chilenen unsere "Angelitos". Muchas gracias a los Chilenos mas amables Jhon i Rodrigo!
Mit zum Bersten gefüllten Taschen und 25 Litern Wasser stürzten wir uns nun also in fünf Tage Abenteuer. Auf Sand und Wellblechpisten durchradelten wir auf über 200 Kilometern eine grandiose Landschaft, vorbei an zahlreichen Vulkanen und Vincuñaherden.
Bis zum Salzsee "Salar de Suire" mussten wir die Piste mit Lastwagen teilen, die uns regelmässig fürchterlich einstaubten.
An einer Lagune am Salar fanden wir einen unserer bislang schönsten Zeltplätze. Nach einem ausgiebigen Bad im angenehm warmen Thermal-badegumpe rochen wir nach Schwefel wie kleine Teufelchen - ganz toll, vor allem, wenn die naechste Dusche noch 100 Kilometer entfernt ist... In Enquelga freuten wir uns schon auf eine Cola, doch auch dieses Dorf wirkte, wie das wirkliche Geisterdorf Isluga, fast wie ausgestorben.
Zurück in der Zivilisation beschlossen wir, uns ein paar Tage Erholung am Meer zu gönnen. Wir stellten unsere treuen Drahtesel (bislang erst eine Panne!) sicher unter und Sabine heuerte einen LKW an, der uns in sechs Stunden hierher nach Iquique brachte. War auch mal eine interessante Perspektive. Abends um 23 Uhr hatten wir hier endlich eine Bleibe in der Prachtstrasse mit hölzernen Fusswegen und villenartigen Holzhäusern. Wir fühlten uns um hundert Jahre zurückversetzt.
Die nach Bolivien astronomisch wirkenden Hostalpreise, das ungewöhnlich kalte Wetter und "kein Bus am Sonntag" führten allerdings dazu, dass von geplanten drei Tagen "Urlaub am Meer" nur die Hälfte übrig blieb.
10. Oktober - Potosi
Gesamtstrecke auf dem Velo: 2523km
Nach einer rasanten Busfahrt stand uns nun einer der abenteuerlichsten Streckenabschnitte bevor: die Fahrt über die Salzseen Salar de Coipasa und Salar de Uyuni, auf denen man schon mal die Orientierung verlieren kann. Doch zum Glück trafen wir Kurt und Monika, die mit Emil (13 Monate) per Rad und Kinderanhänger unterwegs waren - eine interessante und überlegenswerte Art seinen Erziehungsurlaub zu gestalten... Mit Kurts GPS-Daten fanden wir schnell den Weg auf den Salar de Coipasa und glitten auf dem glänzenden Weiss dahin. Leider währte diese Freude nur gut 20 Kilometer, dann hiess es: Sand oder Wellblech! Das bedeutete zahlreiche Schiebepassagen und so erreichten wir erst nach drei Tagen Llica, einen freundlichen Ort am östlichen Rand des Salar de Uyuni, dem wohl weltweit grössten Salzsee. Am nächsten Morgen ging es noch einige Kilometer auf Schotter weiter und dann lag er wie ein riesiges weisses Meer vor uns. Anfangs fuhren wir noch auf der gut erkennbaren Fahrspur, doch als wir unser Tagesziel, die Insel Incahuasi am Horizont per GPS geortet hatten, ging es "quer Salz ein" weiter. Jeder rauschte auf seiner eigenen Spur über die fünf- und sechseckigen Muster und hörte leise das Salz unter den Raedern knirschen.
Der Jeeptouristentrubel am Inselrestaurant war nach der Ruhe auf dem Salar erst einmal ein kleiner Schock, aber schon ein paar Meter weiter konnte man in Ruhe den Kontrast der fantastischen Riesenkakteen vor dem gleissenden Weiss des Salars geniessen. Zum herrlichen Sonnenuntergang waren wir dann allein auf der Insel und sehr froh, mit dem Rad unterwegs zu sein.
Nach einer Fotosession am nächsten Morgen, bei der mal wieder klar wurde, dass Sabine auf Händen getragen wird, hiess es Abschied nehmen von unseren Radelkumpanen der letzten Tage, da diese nach Chile weiter wollten.

Uns zog es dagegen für ein paar Tage Erholung nach Uyuni. Nach weiteren 60 Kilometern Salzsee machten wir zunächst noch einen Stopp bei dem aus Salzstein gebauten Hotel de Salar, wo wir eine kleine Attraktion für die Jeeptouristen waren. In Uyuni freuten wir uns dann, Petra und Reto einzuholen, die beiden netten schweizer Radler, die uns auf die Idee mit unserem Chileabstecher gebracht und mit allerhand Infos versorgt hatten. Es gab allerhand Erlebnisse auszutauschen und neue Pläne zu schmieden. Während es die beiden weiter nach Süden zog, wollten wir zuvor mit dem Bus einen Abstecher nach Potosi und Sucre unternehmen. "Todo occupado" bescherte uns aber zunächst einen weiteren Tag in Uyuni. Da half nur ausgiebiges Kaffeetrinken und dann wieder im Hostal einzuchecken. Ausserdem besuchten wir den Eisenbahnfriedhof, auf dem Güterzugwaggon neben alten Dampfloks fotogen vor sich hinrosten.
Auf dem Weg zum Bus trafen wir am nächsten Morgen Jordan wieder, einen von drei Touristen, mit denen wir uns am Hotel de Salar unterhalten hatten. Und wie es der Zufall wollte, fuhren die drei an diesem Tag mit ihrem eigenen Jeep nach Sucre und boten uns eine Mitfahrgelegenheit an. Nachdem die "Frau der Tat" unsere Bustickets verscherbelt hatte, ging es also mit Jordan, Rey und Riccardo (zwei Amerikaner und ein Ecuadorianer) erst nach Potosi. Hier überraschte uns bei der Mittagspause trotz Trockenzeit ein Hagelsturm und wir waren heilfroh, nicht mit dem Radl unterwegs zu sein. Nach einer unterhaltsamen 7-stündigen Fahrt (deutlich schneller als mit dem Bus) erreichten wir schliesslich Sucre und residierten im ausgesprochen feudalen "Grand Hotel" gleich neben dem Hauptplatz, mit wunderschönem Patio, Zimmern ohne Schimmelflecken an der Decke, dafür aber geschmackvoll eingerichtet, mit baño privado und nicht zu vergessen Satelliten-TV mit 100 Sendern. Und das alles zum Schnäppchenpreis von 15 Euro (inklusive Frühstück versteht sich). Ja, es geht uns gut!!!
In Sucre herrscht auf 2700m angenehmes T-Shirtklima, Stefan hustete nur noch halb so viel und Sabine hatte keine Atemnot mehr. Ausser Flanieren und Kaffeetrinken bewunderten wir gleich am ersten Tag im sehenswerte Textilmuseum die kunstvoll gewebten Stoffe, schauten einer Weberin bei der Arbeit zu und erhöhten unseren Souvenierbestand um zwei weitere Exemplare.
Tags drauf wunderten wir uns ueber die feiertagsmaessige Ruhe, obwohl definitiv kein Feiertag war. Des Raetsels Loesung erfuhren wir erst am Nachmittag: die Zufahrtsstrassen nach Sucre wurden an diesem Tag blockiert, was aber hier keinen weiter aufregt - das ist eben Bolivien... Wir nutzten die Ruhe um noch ein wenig durch die schoene koloniale Altstadt zu bummeln.
Gluecklicherweise lief am naechsten Morgen wieder alles normal und wir konnten per Expresstaxi nach Potosi fahren. Diese auf etwas ueber 4000m gelegene hoechste Grossstadt der Erde verdankt ihre Existenz dem einstigen Silberreichtum des Cerro Rico, eines Berges, der inzwischen wie ein Schweizer Kaese durchloechert sein muss und in dem auch heute noch unter ziemlich fragwuerdigen Bedingungen Zinn und Zink abgebaut wird. Auf einen Besuch der Minen verzichteten wir jedenfalls. Stattdessen besuchten wir das Casa de Monedas, wo frueher Silbermuenzen gepraegt wurden und schlenderten durch das historische Zentrum von Potosi (UNESCO Weltkulturerbe), wo 36 Kirchen und zahlreiche koloniale Bauwerke noch vom einstigen Reichtum zeugen.
1. November - Salta (Argentinien)
Velostatistik :
Gesamtstrecke: 3514km; Höhenmeter: 48340m; Gesamtradlzeit: 278 Stunden;
Pannen: 4 (2 Platte, 1 Speichenbruch, 1 gerissenes Schaltseil durch Fehlmontage)
Während der schaukeligen Busfahrt von Potosi zurück nach Uyuni konnten wir miterleben, dass auch in einen schon überfüllt wirkenden Bus noch jede Menge Menschen mit jeder Menge Gepäck reinpassen. Jedenfalls waren wir froh, nach sieben Stunden am Ziel zu sein.
Tags darauf ging es dann schon los in Richtung der "Lagunenroute" ganz im Süden von Bolivien. Der erste Teil der Anfahrt wäre eher höhepunktarm gewesen, wären da nicht unsere lieben Schweizer Petra und Reto gewesen: Sie hatten uns einen Schatz versteckt, den es per GPS und einigen Hinweisen zu finden galt. So konnten wir uns einige Kilometer vor unserem Tagesziel San Cristobal mit einigen Leckerli stärken. Ein zweiter Schatz (zwei Bier) wäre noch am Ziel versteckt gewesen, aber da hatten leider "Schatzräuber" den entscheidenden Hinweis geklaut. Es folgten weitere eher trostlose Dörfer, hier auch "pueblos authenticos" genannt, bevor wir am dritten Tag Villamar erreichten, den letzten richtigen Ort für lange Zeit. Dort deckten wir uns mit allem ein, was man so für mehrere Tage im Nirgendwo braucht: 24 Liter Wasser, ebenso viele Erdnussschokoriegel ("Bolivianosnickers") und dem, was der Tante-Emma-Laden sonst noch so hergab. 
Am nächsten Tag bereuten wir dann jedes überfluessige Gramm, als wir unser Fahrraeder über einen grausam steilen Pass zum Grossteil schieben mussten. Nach kurzer Abfahrt und negativrekordverdächtigen 18 Tageskilometern bauten wir oberhalb eines schönen Salars erschöpft unser Zelt auf und blickten auf einen herrlichen Abendhimmel. Am nächsten Morgen klang es dann, als würde Sand auf unser Zelt rieseln. Doch beim Blick aus dem "Fenster" entpuppte sich das Geräusch, das uns geweckt hatte, als Schneegriesel - wir steckten mitten in einem Schneegestöber und unser Zelt war schon mit einer weissen Schicht bedeckt. Die Stimmung erreichte einen gewissen Tiefpunkt und wir rechneten schon mal nach, wie lange unsere Wasser- und Bolivianosnickersvorräte noch reichen würden.

Doch glücklicherweise war der Spuk nach einer Stunde vorrueber, die Sonne kam heraus und der Schnee war schnell weggeschmolzen. Trotzdem blies uns den ganzen Tag ein eiskalter Wind entgegen und wir waren froh, als wir am Abend eines der Highlights, die Laguna Colorada erreichten. Ein kurzzeitiger Ausfall unseres Kochers erschwerte die Zubereitung des Abendessens (so "al dente" wollten wir unsere Spagetti dann doch nicht) und bei -7° im Zelt konnten sich unsere Schlafsäcke einmal mehr bewähren. Doch am darauffolgenden Tag wurden wir für alle Strapazen belohnt: Traumwetter! Unter dem strahlend blauen Himmel konnte die Laguna Colorada ihrem Namen alle Ehre machen und ihre gesamte Farbenpracht zeigen: verschiedenste Rottöne mit weissen und grünen Tupfern. Die umliegen- den Berge spiegelten sich im ruhigen Wasser, ebenso hunderte von rosafarbenen Flamingos. Ein grandioses Schauspiel, von dem wir uns nur schwer und erst nach Duzenden von Flamingofotos wieder losreissen konnten.



Von unserem Zeltplatz weit oberhalb der Lagune hatten wir nochmals einen letzten fantastischen Blick auf dieses Panorama. Den auf 4900 Metern gelegenen Geysir Sol de Mañana (der wohl morgens besonders schön dampft), erreichten wir zwar erst am spaeten Vormittag, dafür konnten wir das Blubbern und die Schwefeldämpfe ganz alleine geniessen. Bei der Mittagspause am Rande des Geysirs wurden zudem unsere von Wellblechpisten geschundenen Allerwertesten angenehm von der natürlichen Fussbodenheizung gewärmt.
Nach einer laengeren Abfahrt durften wir uns dann noch im Thermalpool mit 35 Grad warmem Wasser an der Laguna Chalviri entspannen, mit toller Aussicht versteht sich, bevor wir dann im überraschend vorgefundenen Restaurant ein feines Abendessen serviert bekamen. Ausserdem trafen wir die beiden deutschen Radler Manuel und Dietmar, die in die Gegenrichtung unterwegs waren und uns mit wertvollen Informationen und Stefan mit ein paar Pillen für seine schlimmer werdende Erkältung versorgten. Durch die atemberaubende, in allen moeglichen Rot-, Kupfer-, Gelb- und Orangetönen schimmernde Bergwelt ging es auf immer sandigeren Pisten weiter zum letzten Höhepunkt, der Laguna Verde, die malerisch am Fusse des Vulkans Lincancabur gelegen ist.
Als wir gegen neun Uhr am Aussichtspunkt der Laguna Verde ankamen, war ganz schoen was los - etwa 15 Jeeptouren waren auch schon da. Die Lagune war indes noch alles andere als grün. Erst gegen halb elf - die meisten Jeeps waren inzwischen wieder weg - begann das faszinierende Naturschauspiel: Die Lagune begann sich am hinteren Ende smaragdgrün zu verfaerben und dieser Streifen breitete sich immer weiter aus, bis nach etwa 20 Minuten die gesamte Lagune in leuchtendem Gruen erstrahlte.
Als wir uns an diesem herrlichen Panorama einigermassen sattgesehen hatten, hiess es langsam Abschied nehmen von Bolivien. Im traumhaft gelegenen, aber heruntergewirtschafteten Refugio, konnten wir nochmals unsere Wasser- und Lebensmittelvorräte aufstocken. Bei der Mittagspause senierten wir darüber, wie man aus dem unfreundlich geleiteten Schuppen ein florierendes Lokal machen könnte - eine irgendwie völlig unbolivianische Denkweise. Überhaupt ist Bolivien für uns ein wenig das Land der nicht genutzten Möglichkeiten, aber vielleicht macht gerade das den besonderen Charme aus ...