30. Juni - Salvador
 

Velostatistik:
Gesamtstrecke: 12028km;  Höhenmeter:128194m; Gesamtradlzeit: 856 Stunden
Pannen: 21 (12 Platte, 5 Speichenbrüche, gerissenes Schaltseil, rampunierte Felge, Bremsleitung,  
                    geplatzter Reifen)

 

Moskitos - die lästigen Plagegeister sind hier fast überall hinter unserem Blut her. Einige von ihnen, die mit dem unaussprechlichen Namen "Aedes aegypti", haben zudem die unangenehme Eigenschaft, Denguefieber zu übertragen und da haben sie dieses Jahr an Brasiliens Küste ganze Arbeit geleistet. Daher hat man ihnen mit Infoblättern und Plakaten hier den Kampf angesagt. Die Empfehlung des Deutschen Auswärtigen Amtes, langärmlige Kleidung zu tragen ist bei Temperaturen über 30° eher wenig alltagstauglich, erst recht, wenn man radelnd unterwegs ist. Ausserdem stechen die Viecher sogar durch Jeansstoff. Es bleibt noch der Griff zu Autan & Co, von denen wir inzwischen mindestens fünf Fläschchen auf uns verteilt haben. Trotzdem waren wir teilweise übel zerstochen und ich bekam in Arrial de Ajuda ziemlichen Durchfall und ein paar Tage später Husten und ein wenig Fieber. Erst als sich noch ein Ausschlag und ein ziemlich strenger Metallgeschmack im Mund dazugesellten, war klar, dass es wohl Denguefieber ist. Das eigentliche Fieber war alledings gar nicht so schlimm und so war ich schon nach drei Tagen wieder einigermassen fit. Sabine - inzwischen dank Internet Denguefieberexpertin - fand heraus, dass es vier Arten gibt, dass ich nun gegen eine Art immun bin  und es wohl erst problematisch werden kann, wenn ich noch mit einer anderen Art infiziert werde. Na wenn's weiter nichts ist ...

Ansonsten war aber "tudo bem" - alles bestens. Die Strecke nach Arrial de Ajuda war voll nach unserem Geschmack: zum Teil durch schöne Palmenhaine ging es an der Küste enlang und immer wieder hatten wir schöne Ausblicke auf's Meer. Da die Strasse für Autos eine Sackgasse ist, die in Belmonte an einem Fluss endet, gab es auch keinen nennenswerten Verkehr. Wir wollten dagegen mit dem Boot weiter und fanden auch einen Bootsführer, der uns am nächsten Tag um 8 Uhr bis zum nächsten Küstenort bringen wollte. Da um diese Zeit Ebbe war, hatte der Fluss allerdings viel zu wenig Wasser - immer diese unvorhersehbaren Naturphänomene... Um 10.30 Uhr wollte unser Käpten einen zweiten Versuch starten und um halb eins konnten wir dann tatsächlich das Boot beladen. Dafür bekamen wir dann eine rasante, gut einstündige Bootsfahrt auf kleinen Flussarmen durch die Mangrovenwälder.


Weiter entlang traumhafter Palmenstrände und durch schöne Wälder fuhren wir nach Itacare, einem netten, wenn auch touristischen Fischerdorf. Wir quartierten uns in einem günstigen Appartment ein, nicht wirklich ordentlich und luxuriös, dafür aber mit Hängemattenbalkon und herrlicher Aussicht - ideal für ein bisschen Denguefieber und um das erst kurz zuvor ertauschte Buch zu lesen. Ausserdem hatten wir eine Küche und konnten mal wieder selber kochen, was angesichts des Angebotes an frischem Fisch ein echtes Vergnügen war. Und die Strände ganz in de Nähe gehörten zu den schönsten, die wir bislang gesehen haben. Da liessen wir uns unseren Strandtag auch von kurzen Regenschauern nicht vermiesen und funktionierten einfach unseren Sonnenschirm gelegentlich zum Regenschirm um.


Von Itacare aus setzten wir mit der Fähre über einen Fluss. Auf der anderen Seite erwartete uns eine Sandpiste, die nach und nach immer mehr in eine Schlammpiste überging.


Zum Glück erreichten wir bald wieder die einigermassen befestigte Strasse nach Barra Grande, einem Ort der noch bis Ende der 90er Jahre weitestgehend von der Aussenwelt abgeschnitten war. Einige Kilometer vorher stoppten wir jedoch zunächst am Strand Taipú de Fora, der als einer der schönsten Brasiliens angepriesen wurde, was wohl vor allem an dem vorgelagerten Riff liegt. Auch wenn wegen der heftigen Brandung das Meer an diesem Tag etwas trüb war, machte es Spass, den bunten Fischen hinterher zu schnorcheln. In einer Wohlfühlpousada direkt am Strand waren wir die einzigen Gäste und bekamen auf der Terrasse bei Kerzenschein gegrillten Tintenfisch serviert - ein Genuss!


Die restlichen Kilometer nach Barra Grande fuhren wir bei Ebbe direkt auf dem Strand, misstrauisch beäugt von ein paar Krebsen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Im vermutlich immer ziemlich ruhigen Ort Barra Grande herrschte tiefste Nebensaison und so begnügten wir uns mit einem schönen Sonnenuntergang und einer schlaflosen Nacht (Moskitos!).

Am nächsten Morgen verliessen wir die Halbinsel per Boot.


Noch gute 200 Kilometer waren es bis Salvador. Schon am Abend bevor wir dort eintrafen, konnten wir von der gegenüberliegenden Seite der "Allerheiligenbucht" (Baia de Todos os Santos) bereits die Skyline erkennen.


Eine Fähre brachte uns fast direkt ins Zentrum der Metropole, wo wir uns im dichten Verkehr erst einmal aus den Augen verloren. Eine geschlagene Stunde dauerte es, bis wir uns wieder gefunden
hatten - ein komisches Gefühl. In der auf einem Hügel gelegenen Altstadt von Salvador trafen wir dann den argentinischen Reiseradler Adrian und den radsportbegeisterten Salvadorianer Evanival. Nachdem wir in einem Hotel im siebten Stock eines hässlichen Hochhauses am Praça da Sé, dem Platz im Herzen des historischen Zentrums eingecheckt hatten, zeigte uns Evanival auf einer kleinen Erkundungstour noch ein paar der Festungsanlagen, den ältesten Leuchtturm Südamerikas (Farol do Barra) und den Morro (Hügel) do Christo mit seiner im Vergleich zu Rio putzig-kleinen Christusstatue. Von dort hatten wir einen herrlichen Blick auf die Lichter des abendlichen Salvador.



Tags drauf erkundeten wir zu Fuss die Gassen und Plätze der sehenswerten Altstadt (seit 1985 Weltkulturerbe der UNESCO) mit ihren unzähligen Kolonialhäusern und Kirchen. Wir liessen uns Acarajé schmecken, so eine Art "Bahia-Burger" aus braunen Bohnen, Wasser, Salz, Zwiebeln und getrockneten Krabben, die von Baianas in traditioneller Tracht zubereitet werden.

 

 
   

 

 

 

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Abends genossen wir beim Sonnenuntergang den genialen Blick von der Terrasse unseres Hotels auf die Altstadt und den Hafen, bevor wir uns ins Nachtleben stürzten.



Der nette Evanival hatte es sich irgendwie zur Aufgabe gemacht, uns per Bike möglichst viel von Salvador zu zeigen und geduldig auf Portanol zu erklären. So führte er uns an  den darauffolgenden Tagen auf zwei Radtouren zu weiteren interessanten Stadtteilen, Kirchen, Festungen und dem tollen Leuchtturm am 30 Kilometer entfernten Praia Itapoa, dem ersten richtig schönen Strand nördlich von Salvador. Da war alles wieder "tudo bem", "tudo legal" und "beleza" (gut, prima, wundervoll).
Und schliesslich liess sich Sabine noch neu stylen...


 
Unser letztes Ziel in Brasilien sollte der Nationalpark Chapada Diamantina sein, eine Tafelgebirgslandschaft gute 400 Kilometer westlich von Salvador. Evanival liess es sich nicht nehmen, uns abends zum Busterminal zu bringen und dann noch zu warten, bis wir um 23.30Uhr endlich in den Nachtbus stiegen. 

Am 24. Juni und oft schon einige Tage davor wird in den Dörfern der Chapada "Sao João" (sprich: Sao Schoaun) gefeiert, das Fest ist hier sogar bedeutender als der Karneval. Die Häuser werden ordentlich rausgeputzt und bunt geschmückt, auf den Strassen werden Fähnchen aufgehängt und oft auch noch Puppen und kleine Hütten aufgestellt.


 

 

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

  

   

 

Von Jung bis Alt sind alle mit grossem Eifer bei der Sache und fiebern dem Fest bzw. den Festen entgegen. Abends ertönt dann überall Forro (sprich: Foho), eine Tanzmusik, mit der man wohl aufgewachsen sein muss, um sie zu mögen. Aber immerhin kann man den zugehörigen Tanzschritt in  weniger als einer Minute erlernen.

Unsere erste Station in der Chapada war das gemütliche Bergdorf Lençois. Wir wanderten zu einem der zahlreichen Wasserfälle oder besser gesagt zu einer natürlichen Wasserrutsche. Ein wenig Überwindung kostet es allerdings schon, denn man kriegt eine ziemliche Geschwindigkeit drauf und so ganz glatt ist die Rutsche halt nicht...


Von Lençois aus brachen wir zu einer Rundtour auf, wobei die erste Etappe mit einigen Flussüberquerungen und anderen Hindernissen mal wieder etwas abenteuerlicher war. Ausser einer Frau, die irgendwo in der Einsamkeit ihre Wäsche gewaschen hatte, trafen wir den ganzen Tag niemanden mehr. Gezeltet haben wir an einer Badegumpe mit kostenloser Hydromassage durch einen Wasserfall - mit allem Komfort halt.



Auf den Spuren der alten Diamantenschürfer ging es dann eine alte gepflasterte Strasse steil hinauf in das romantische Bergdörfchen Igatu und dann weiter an den Tafelbergen entlang ins abgelegene Vale do Capão.


Von dort aus stiegen wir zum spektakulären Aussichtspunkt, von dem aus man den Cachoeira da Fumaça ("Rauchwasserfall") sehen kann, immerhin der zweithöchsten Wasserfall Brasiliens.

 

 

  

 

 

 

 

 

 

  

 

 

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zu guter Letzt radelten wir noch in den nördlichen Teil der Chapada Diamantina, wo zahlreiche Höhlen besichtigt werden wollten. Als erstes besuchten wir die riesige Gruta da Torrinha. Zu zweit stapften wir mit unserem Führer Raimundo in die dunkle Höhle. Als dieser zu einer Wand marschierte und uns aufforderte, kurz zu warten, dachten wir, er würde das Licht anschalten. Das Licht bestand allerdings nur aus einer Gaslampe. So ausgerüstet wagten wir uns weiter in die Dunkelheit bis Raimundo vor einem engen Felsspalt stehen blieb und uns erzählte, dass dieser Teil der Höhle erst 1992 von ein paar Franzosen entdeckt worden war. "Interessant" dachten wir und wollten weitergehen, als Raimundo in den Spalt stieg und uns zu verstehen gab, dass die Tour dort weiterginge. Sabine überlegte kurz, ob das wirklich das Richtige für sie sei, aber dann krochen wir doch auf allen Vieren weiter - ein wenig kamen wir uns wie Höhlenforscher vor.

Nach dem Spalt erreichten wir aber wieder "ordentliche" Höhlengänge, in denen wir auf den nächsten 2 Kilometern meist sogar aufrecht gehen konnten. Neben den üblichen Stalagmiten und Stalaktiten gab es einige wunderschöne filigrane Kristalle zu bewundern und Raimundo gab sich alle Mühe, uns zu erläutern, wir diese entstanden sind.


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Beim bekanntesten Exemplar der Höhle weiss man dies allerdings auch nicht. Klein aber fein!

Ein neuer Tag - eine neue Höhle. Gleich am nächsten Morgen besuchten wir die nur 2 Kilometer entfernte Höhle Lapa Doce. Unser Guide Giovane hatte neben der üblichen Gasfunzel auch einen Scheinwerfer dabei, mit dem er die interessanten Teile der Höhle fototauglich ausleuchtete und furchteinflössende Monster an die Wand zauberte.


Mitten in der Höhle schaltete er dann für eine Zeit lang das Licht aus und wir verharrten in der völligen Dunkelheit und Stille - etwas, was wir so noch nie erlebt hatten: Man hörte das eigene Blut im Ohr rauschen und wenn der andere schluckte, kam einem das schon fast laut vor - faszinierend.

Noch zwei weitere Grutas standen an diesem Tag auf unserem Programm: Bei der Gruta Pratinha waren Flossen und Schnorchel angesagt, denn hier fliesst ein ruhiger Fluss durch die Höhle. Mit einer Unterwassertaschenlampe schwimmt man 170 Meter in die Dunkelheit. Während man sich im kristallklaren Wasser des Eingangsbereiches zwischen Schwärmen bunter Fische und Wasserpflanzen noch vorkommt, wie in einem riesigen Aquarium, sieht man in der Höhle nur noch die Felswände und einige Fledermäuse, die dicht über einem an der Decke baumeln. Sabine war diese Kombination aus viel Wasser und Dunkelheit allerdings nicht geheuer und sie zog es vor, sich den Höhleneingang nur von aussen anzuschauen und dann ein wenig im Fluss zu planschen.

In der benachbarten Gruta Azul darf man zwar nicht schwimmen, dafür entsteht eine märchenhafte Stimmung, wenn das Wasser im Licht der Nachmittagssonne strahlend blau leuchtet.


Durch einige ziemlich ärmlich wirkende Dörfchen, an denen der Tourismus nur vorbeirollt, fuhren wir zurück nach Lençois. Auch die Kinder müssen hier schon ziemlich früh mithelfen und arbeiten. Dennoch strahlten diese beiden eine unheimliche Fröhlichkeit aus und Aberta half Sabine sogar, ihr Fahrrad einen Hügel hoch zu schieben. Sie wollte dafür auch kein Dinhero (Geld), wie es in Salvador für jede kleinste Gefälligkeit üblich ist, sondern freute sich über eines unserer "Visitenkärtchen".

Mit ein paar letzten schönen Eindrücken von der reichhaltigen Flora der Chapada stiegen wir zwei Tage später in den Bus zurück nach Salvador.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Tja, und hier sind wir nun auch am Ende unserer Südamerikareise angelangt - übermorgen steigen wir in den Flieger zurück nach Alemania. 11 Monate voller fantastischer Erlebnisse und Eindrücke liegen hinter uns: das Radeln und Wandern durch zum Teil atemberaubend schöne Landschaft, das Kennenlernen fremder Kulturen und die vielen lieben Menschen, die wir getroffen haben. Das alles wird uns noch lange im Gedächtnis bleiben und einige der geschlossenen Freundschaften werden hoffentlich auch noch länger Bestand haben. Neben all den schönen Dingen haben wir aber auch gesehen, wie an vielen Orten die Natur zerstört wurde und wird und in welcher unglaublichen Armut die Menschen zum Teil leben und schuften müssen, ohne soziale Absicherung oder Aussicht auf eine Verbesserung ihres Lebensstandards.  Das betrifft vor allem auch die Kinder, die meist schon früh arbeiten müssen und keine Chance auf Bildung haben.
Das hat uns wieder bewusst gemacht, dass es sich in Deutschland schon sehr gut leben lässt. So freuen wir uns nun auch wieder auf´s Heimkommen, auf Familie und Freunde und auf unsere eigenen vier Wände. Zwei Monate haben wir nun noch zur "Resozialisierung", um Tausende von Fotos zu sortieren und dabei in Erinnerungen zu schwelgen und um über kommende Reiseziele nachzudenken, denn: nach dem Sabbatjahr ist vor dem Sabbatjahr...